Wenn man das Kräuterbuch des Leonhart Fuchs in seiner Bedeutung für die damalige und jetzige Zeit würdigen will, so ist es notwendig, sich zunächst ein Bild vom Stand der Pflanzenkunde am Ausgang des Mittelalters zu machen. Wir müssen uns vergegenwärtigen, daß es damals eine "reine" Botanik, eine Botanik um ihrer selbst willen, nicht gab, sondern daß die Pflanzenkunde fast ganz im Dienste der Medizin, allenfalls noch der Landwirtschaft und des Gartenbaus stand. Zwar hatte im klassischen Altertum der griechische Philosoph Theophrast von Eresos (372-287 v. Chr.), ein Schüler des Aristoteles, in seiner "Pflanzengeschichte" und in seinen (uns nur unvollständig erhaltenen) "Ursachen der Pflanzen" eine wissenschaftliche Botanik begründet und ebenso finden wir in den botanischen Schriften des großen Deutschen Albertus Magnus (gest. 1280) verheißungsvolle Ansätze zu einer allgemeinen Pflanzenkunde, aber von all diesen Leistungen merken wir in den ersten gedruckten botanischen Schriften aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts nichts: sie sind lediglich praktische Handbücher für den Arzt oder auch den medizinischen Laien. Die botanische Beschreibung der Pflanze, wenn überhaupt eine solche vorliegt, wir mit ein paar Worten abgetan, der ganze übrige Text behandelt nur die Heilanwendung der Pflanze, und zwar auf Grund der antiken Schriftsteller (besonders des Dioskurides und des Plinius) und deren Bearbeiter oder Ausleger (die arabischen Ärzte Avicenna usw.)
Das erste gedruckte Werk dieser Art erschien im Jahre 1484 zu Mainz in der Werkstatt des Peter Schoeffer. Er war der Schwiegervater des Johann Fust, der als Mitarbeiter Gutenbergs in der Geschichte der Buchdruckerkunst bekannt ist. Dieses in lateinischer Sprache abgefaßte Handbuch nennt sich "Herbarius" (Kräuterbuch). Es bringt etwa 150 in= und ausländische Pflanzen, die in ziemlich rohen, aber immerhin zum Teil gut erkennbaren Holzschnitten vorgeführt werden. Diese Holzschnitte sollten gewissermaßen die fehlenden botanischen Beschreibungen ersetzen. Das Buch fand, wie zu erwarten war, einen guten Absatz, es erschien in mehreren Auflagen und in vielen Nachdrucken. Immerhin war dieser "Herbarius", der ja in lateinischer Sprache geschrieben war, für den Arzt, den Apotheker und wohl auch für den die Heilkunde ausübenden Mönch bestimmt. So war es ein guter Gedanke des geschäftstüchtigen Verlegers, schon im nächsten Jahre ein ähnliches Werk in deutscher Sprache erscheinen zu lassen. Es ist dies, wie er sich im Vorwort nennt (ein eigentlicher Titel fehlt bekanntlich den ältesten Druckwerken, den Wiegendrucken) der "Gart der Gesuntheit" (auch Herbarius zu Deutsch, kleiner oder deutscher Ortus Sanitatis genannt). Dieser "Gart der Gesuntheit" ist aber durchaus nicht die deutsche Übersetzung des "Herbarius" vom Jahre 1484. Er ist mit seinen 435 Kapiteln und 368 Pflanzenholzschnitten viel umfangreicher. Die Pflanzenbilder sind alle neu gezeichnet und beträchtlich größer als die des Herbarius. Als Verfasser oder besser "Zusammensteller" (Kompilator) des "Gart der Gesuntheit" geht aus einer Textstelle der Frankfurter Stadtarzt Johann von Cube (von Raub am Rhein) hervor. Aus den alten Frankfurter Bürgerbüchern ist ersichtlich, daß Johann Wonnecke von Cube am 7. September 1484 als Stadtarzt in Frankfurt angestellt wurde. Dieses Kräuterbuch ist, wie schon bemerkt, keine eigene Arbeit, sondern eine Zusammenstellung der Heilkräfte der Pflanzen besonders nach den Werken der antiken Schriftsteller (vor allem des Dioskurides, Plinius, Galenos) und der arabischen Ärzte des Mittelalters (Serapion, Avicenna) und des Salernitaners Platearius. Auch zahlreiche andere antike und mittelalterliche Ärzte werden, wenn auch weniger häufig, zitiert. Da dieser "Gart der Gesuntheit" uns wichtige Fingerzeige über die Pflanzenkenntnis am Ausgang des deutschen Mittelalters gibt, ist er auch in der Liste der Fuchsschen Pflanzen, wie sie später gegeben wird (S. 21 ff.), berücksichtigt. Der "Gart der Gesuntheit" erschien ebenfalls in vielen Auflagen und Nachdrucken, auch eine Übersetzung ins Niederdeutsche (1492) und mehrere ins Niederländische kamen heraus.
Noch umfangreicher als der "Gart der Gesuntheit" ist der lateinische "Ortus Santatis" (auch "Großer Ortus Sanitatis"), der einige Jahre später, im Jahre 1491, bei Jakob Meydenbach in Mainz gedruckt wurde. Dieses Werk umfaßt 530 Pflanzen (gegen 369 im "Gart"), außerdem noch viele Tiere und Steine. Im ganzen bringt er nicht weniger als 1066 Textbilder, deren Naturtreue und künstlerischer Wert sehr verschieden ist. Es kann kaum ein Zweifel sein, daß Fuchs alle diese ersten Kräuterbücher gekannt hat, wenn er sie auch in seinem Kräuterbuch nirgends erwähnt und sie auch wohl für seinen Text, der ja unmittelbar auf Dioskurides, Plinius und Galenos zurückgeht, wenig benutzt hat. Die Druckstöcke des deutschen und lateinischen Ortus Sanitatis wurden zum Teil wieder verwendet für das 1500 erschienene "Destillierbuch" (Liber de arte distil- landi) des Arztes Hieronymus Brunschwygk, der um 1512 starb.
Einen großen Fortschritt gegenüber diesen ältesten gedruckten Kräuterbüchern stellte das Werk des Otto Brunfels (geb. 1489) dar. Sein Name weist darauf hin, daß seine Familie aus Braunfels bei Wetzlar stammte. In jungen Jahren trat er in das Karthäuserkloster zu Straßburg ein, schloß sich aber 1520 der Lehre Luthers an. 1521 treffen wir ihn als Pfarrverweser in Steinheim (Hessen) an. Als Anhänger der neuen Lehre verfolgt, mußte er von dort flüchten und ließ sich nach manchen Irrfahrten in Straßburg nieder. Hier trieb er botanische und medizinische Studien, erlangte 1532 in Basel den Grad eines Doktors der Medizin und schon das Jahr darauf berief ihn der Berner Rat als Stadtarzt. Nicht lange erfreute er sich dieser angesehenen Stellung, denn er starb bereits am 23. November 1534. Das Kräuterbuch des Otto Brunfels erschien bei Schott in Straßburg zunächst in einer lateinischen Ausgabe unter dem Titel "Herbarum vivae eicones", der erste Teil trägt die Jahreszahl 1530, der zweite 1531, es ist aber nach Schreiber wahrscheinlich, daß beide Teile erst 1532 an die Öffentlichkeit gelangten. Nach dem Tode des Brunfels kam 1536 noch der dritte Teil des lateinischen Kräuterbuches heraus. Eine deutsche Ausgabe erschien 1532 unter dem Titel "Contrafayt Kreuterbuch" (mit 176 Holzschnitten), ihr zweiter Teil ("Ander Teyl des Teutschen Contrafayten Kreuterbuch") 1537, also auch wieder nach dem Tode des Verfassers. Was an dem Werk des Brunfels gegenüber allen früher erschienenen Kräuterbüchern sofort ins Auge fällt, sind die ausgezeichneten, naturgetreuen Pflanzenholzschnitte. Sie stammen von dem Straßburger Künstler Johann Wyditz (Weiditz). Die meisten dieser Pflanzenbilder nehmen mit ihrer ansehnlichen Höhe von 25 Zentimeter die ganze Seite des in Folioformat erschienenen Werkes ein. Auch textlich zeigt das Kräuterbuch des Brunfels eine Fortschritt gegenüber seinen Vorgängern. Die Pflanzen sind nicht mehr wie im "Gart der Gesuntheit" nach dem Alphabete ihrer lateinischen bzw. griechischen Namen angeordnet, sondern bis zu einem gewissen Grade nach ihrer natürlichen Verwandtschaft, indem z.B. die Satyrion=(Orchis=)Arten beisammen stehen, die drei Rauhblätter Natternkopf, Ochsenzunge, Borretsch aufeinander folgen ebenso wie die Korbblütler Mutterkraut, Rainfarn, Stinkende Kamille (Anthemis Cotula), Ringelblume, Gänßblume (Chrysanthemum Leucanthemum). Ebenfalls merkt man deutlich, daß Brunfels ein guter Pflanzenkenner war und daß sein Kräuterbuch nicht nur am Schreibtisch entstanden ist. Bei vielen Pflanzen gibt er die "Statt des Gewächses" (also den Standort), die Zeit der Sammlung und die "Gestalt" (das Aussehen) der Pflanze, wenn auch meist nur mit wenigen Worten, an. Was allerdings die medizinische Verwendung der Pflanzen betrifft, so kann auch Brunfels sich nicht von der Autorität der antiken Ärzte und ihrer Nachbeter frei machen. Immer wieder treffen wir hier auf die Namen des Dioskurides, des Plinius, des Hermolaus Barbarus (italienischer Arzt des 15. Jahrhunderts), des Nicolaus Leonicenus (ein Zeitgenosse und Landsmann des Hermolaus Barbarus) usw. Nur selten gibt er an, was die zeitgenössischen Ärzte von der Pflanze hielten.
Im Jahre 1539 erschien zu Straßburg bei Wendel Rihel das "New Kreutterbuch von underscheydt, würckung und namen der kreutter so in teutschen landen wachsen" des Hieronymus Bock. Tragus (gr. tragos = Bock) nennt er sich in der lateinischen Ausgabe des Kräuterbuches. Bock war wie Brunfels von Haus aus Theologe. 1498 in Heiderbach (im damaligen Herzogtum Pfalz-Zweibrücken) geboren, trat er, wie Brunfels und Fuchs, zum Protestantismus über und starb 1554 als Prediger zu Hornbach bei Zweibrücken. Die erste Ausgabe von Bocks Kräuterbuch hatte im Gegensatz zu denen seiner Vorgänger keine Pflanzenbilder, gewiß ein großer Nachteil für seine Verbreitung. Verfasser und Verleger sahen dies auch bald ein, und im Jahr 1546 erschien die zweite Auflage dieses Kräuterbuches, geschmückt mit über 500 Pflanzenholzschnitten, die übrigens zum Teil starke Anlehnung an die einige Jahre früher erschienenen des Fuchsschen Kräuterbuchs darstellen. Manche von ihnen können geradezu als verkleinerte Kopien dieser bezeichnet werden. Andere Bilder wieder, besonders von solchen Pflanzen, die Fuchs nicht bringt, tragen das Signum DR. Sie stammen von dem Straßburger David Randel, den Bock zu sich nach Hornbach kommen ließ, wo Randel unter der Aufsicht Bocks die Pflanzen nach der Natur zeichnete. Die dritte, im Jahre 1551 herausgekommene Ausgabe des Bockschen Kräuterbuchs (sie wurde für die Liste der Fuchsschen Pflanzen, S. 21ff., benutzt) ist um einen dritten Teil vermehrt, der die "Stauden, Hecken und Beume, so in unsern Teutschen landen wachsen" bringt. Eine lateinische Ausgabe (im Quartformat) kam 1552 unter dem Titel "De stirpium maxime earum quae in Germania nostra nascuntur, usitatis nomenclaturis ... commentariorum libri tres" heraus. Für die Volkstümlichkeit des Bockschen Kräuterbuchs spricht die Tatsache, daß außer den oben angeführten, zu Lebzeiten Bocks erschienenen Ausgaben noch 9 Auflagen des deutschen Kräuterbuchs herauskamen, deren spätere von dem Straßburger Melchior Sebizius überarbeitet wurden. Der große buchhändlerische Erfolg, den das Bocksche Kräuterbuch gegenüber denen des Brunfels und des Fuchs davontrug, ist sicher dem Umstand zuzuschreiben, daß der Text des Bockschen Kräuterbuches viel volkstümlicher war. Aber nicht nur volkstümlicher, die botanischen Beschreibungen der Pflanzen übertreffen in ihrer Anschaulichkeit und Naturtreue weit die dürftigen und trockenen Pflanzenbeschreibungen des Brunfels und des Fuchs. Zur weiteren Verbreitung des Bockschen Kräuterbuches hat gewiß auch beigetragen, daß es billiger war als die mit den großen Holzschnitten geschmückten des Brunfels und des Fuchs. Über die sonstigen Unterschiede zwischen diesen Kräuterbüchern und dem des Fuchs soll unten weiteres gesagt werden.
Wann Leonhart Fuchs den Plan faßte, ein großes bebildertes Kräuterbuch herauszugeben, läßt sich nicht feststellen. Daß er als Arzt den Heilpflanzen, die ja zu seiner Zeit den Hauptbestandteil des Arzneischatzes darstellten, schon von Anfang an seine Aufmerksamkeit schenkte, ist selbstverständlich. Bereits aus seiner ersten Druckschrift, den "Errata recentiorum medicorum", die der 29-jährige in Hagenau erscheinen ließ, geht dies hervor. Er sucht hier nachzuweisen, daß viele Heilpflanzen bzw. pflanzliche Heilmittel von den zeitgenössischen Ärzten falsch benannt würden, und bemüht sich, verschiedene der von Dioscurides aufgeführten Pflanzen botanisch richtig zu deuten. Diese Einwände des Fuchs erschienen Brunfels, dem ersten der "Väter der deutschen Pflanzenkunde", so bedeutsam, daß er sie im Anhang zum zweiten Teil seines lateinischen Kräuterbuches (1531) abdruckte. Daß sich Fuchs schon in seiner Ingolstädter und Ansbacher Zeit, also bevor er 1535 nach Tübingen ging, auf seinen Wanderungen die Kräuter ansah, beweist, daß er z.B. in seinem Kräuterbuch angibt, die Blüten des Beinwells (Symphytum officinale) seien bei Ingolstadt meist rötlich, um Tübingen aber blühe dieselbe Pflanze nur weiß, oder daß er das Bienenblatt (Melittis Melissophyllum) in den Wäldern um Ingolstadt und Ansbach in großer Menge gefunden habe. Nebenbei bemerkt wächst dieser wunderschöne Lippenblütler, der in manchen Gegenden eine große Seltenheit ist, auch heute nach 400 Jahren noch bei Ingolstadt und Ansbach, allerdings hier wohl nicht mehr in der großen Menge, in der ihn Fuchs fand. Im Jahre 1538 war das Kräuterbuch schon weit fortgeschritten, denn Fuchs schrieb damals an seinen Gönner, den Herzog Albrecht von Preußen: "Ich habe jetzund ein Herbarium [Kräuterbuch] verfertigt, es ist aber noch nicht im Druck, deren sind mehr als vierthalbhundert Kräuter abkonterfeit" (Stübler 67). Als das Kräuterbuch einige Jahre später (1542) herauskam, enthielt es 511 Pflanzenbilder, woraus hervorgeht, daß nach 1538 nicht mehr viele dazukamen. 1542 erschien endlich das Werk bei dem Verleger Michael Isingrin zu Basel unter dem Titel "De historia stirpium commentarii insignes" (ausführlicher Titel und sonstige bibliographische Angaben über dieses und die anderen Kräuterbücher des Fuchs s. "Bibliographie, S. 19). Es ist mit seinen 509 blattgroßen Holzschnitten (dazu kommen noch zwei kleinere Textabbildungen) wirklich ein Prachtwerk. Das Titelblatt trägt auf der Rückseite das Bild des Leonhart Fuchs in seinem 41. Lebensjahre und das Schlußblatt die Bildnisse der Zeichner Heinrich Füllmaurer und Albert Meyer sowie des Holzschneiders Vitus Rudolph Speckle. Auf das Vorwort, eine Erklärung der botanischen Fachausdrücke und die Pflanzennamenregister (deutsch, lateinisch, griechisch) folgt die Beschreibung der Pflanzen in 344 Kapiteln (das letzte Kapitel trägt allerdings die Zahl 343, das kommt aber daher, daß infolge eines Versehens in der Numerierung das Kapitel 111 zweimal erscheint!).
Wohl deswegen, weil das lateinische Kräuterbuch einen verhältnismäßig geringen Abnehmerkreis hatte - es war vor allem ein Buch für den wissenschaftlich gebildeten Arzt -, und um die prächtigen Pflanzenholzschnitte besser auszunutzen, entschlossen sich Fuchs und sein Verleger Isingrin zu einer deutschen Ausgabe. Sie erschien bereits im nächsten Jahre (1543) unter dem Titel "New Kreuterbuch", dessen Wiedergabe (Faksimilie) hier vorliegt, so daß sich seine genaue Beschreibung erübrigt. Es enthält die gleichen Holzschnitte wie das lateinische Kräuterbuch, zu dessen 511 Pflanzenbildern jedoch 6 neu hinzugekommen sind, und zwar: Huenerbiß (Veronica hederifolia)nach t. 12, Spitziger Wegerich (Plantago lanceolata) nach t. 22, Kuchenschell (Anemone Pulsatilla) t. 162, Wilder Meerhirß (Lithospermum arvense) t. 276, Knabenkraut weible, das mittel (Orchis ustulatus) t. 315, Weiß Mertzenbluom (Scilla bifolia fl. albo) t. 482. Auch die Anordnung der Pflanzen ist, von einigen geringen Verschiebungen abgesehen, wie sie durch die Einschiebung der eben genannten 6 Pflanzen bedingt wurde, die gleiche. An Abweichungen sind nur zu verzeichnen: Hist. Stirp. cap. 85 = New kreüterb. cap. 304. 305 - H. St. cap. 314 = N. Kr. 287 - H. St. cap 325 (Hydropiper rubeum) = N. Kr. 86.
Der Text des "New Kreüterbuchs" ist keineswegs eine bloße Übersetzung der lateinischen Ausgabe, wenn er sich auch dieser eng anschließt. Die mehr oder minder wörtlichen Zitate aus den antiken Schriftstellern ("Vires ex Dioscoride, ex Plinio, ex Galeno") des lateinischen Kräuterbuches sind im deutschen verschwunden, und die Heilkräfte der betreffenden Pflanze sind in einem Abschnitt vereinigt. Dadurch wurde der Text nicht nur übersichtlicher, es wurde so auch Platz gespart, so daß das deutsche Kräuterbuch wohl auch billiger war als das lateinische. Vor allem aber war es jetzt in seiner deutschen Fassung einem weiteren Benutzerkreise zugänglich und auch der Laie konnte etwas damit anfangen. Dadurch, daß dem "New Kreuterbuch" ein Register der Krankheiten (in der lateinischen Ausgabe fehlt ein solches!) beigegeben war, kam Fuchs dem medizinischen Laien entgegen. Etwa gleichzeitig oder doch bald darauf (das Titelblatt selbst gibt das Erscheinungsjahr nicht an) kam eine niederländische Ausgabe ("den Nieuwen Herbarius") ebenfalls bei Isingrin in Basel heraus. Ihr Text ist eine Übersetzung des deutschen Kräuterbuchs ins Niederländische, das Format (Kleinfolio) kleiner als das der vorhergehenden Ausgaben. Es sind daher auch die Holzschnitte von geringerer Größe. Sie sind sehr gut und sorgfältig ausgeführte Kopien der großen Holzschnitte des lateinischen und deutschen Kräuterbuchs. Das lateinische Kräuterbuch erlebte in Frankreich viele Nachdrucke. Sie sind meist in Paris und Lyon (hier vor allem bei dem Drucker Balthasar Arnoullet) erschienen. Ebenso kamen hier französische Übersetzungen heraus. Die meisten dieser Ausgaben sind im Oktavformat erschienen, die Pflanzenholzschnitte sind sehr stark verkleinert und recht schlecht ausgeführt. Eine Reihe von Ausgaben bringt überhaupt keine Bilder (näheres darüber in dem Abschnitt "Bibliographie", S. 19).
Auf Betreiben des Verlegers Isingrin geht es wohl zurück, wenn sich Fuchs entschloß, die Pflanzenholzschnitte seines Kräuterbuches für sich allein, ohne Text, der Öffentlichkeit zu übergeben. So erschien dieser "Pflanzenatlas" (würde man heute sagen) gleichzeitig (1545) in lateinischer ("Primi de stirpium historia commentariorum vivae imagines") und einer deutschen ("Läbliche abbildung und contrafaytung aller kreüter") Ausgabe. Diese botanischen "Bilderbücher" hatten Oktavformat, die Holzschnitte sind etwa auf die Hälfte verkleinert (Höhe meist 12 cm) und genaue (aber seitenverkehrte) Kopien der großen Pflanzenbilder. Roths (1899) Urteil ist zu hart, wenn er von den Pflanzenbildern dieser Oktavausgaben als von "kleinen wertlosen Holzschnitten" spricht. Er hat sie anscheinend nicht selbst gesehen. Natürlich wirken sie bei ihrer geringeren Größe nicht so eindrucksvoll wie die großen, aber die meisten von ihnen könnten sich auch heute noch in einem botanischen Abbildungswerk gut sehen lassen. Fuchs dachte sich diese Oktavausgabe als eine Art Hand= oder Taschenbuch zum Mitnehmen auf botanischen Wanderungen: "damit sie füglich vonn allen mögen hin und wider zu noturfft getragen und geführt werden", wie er im Titel der deutschen Ausgabe sagt. Einen nennenswerten geschäftlichen Erfolg hat der Verleger auch wohl mit dieser Bilderausgabe nicht gehabt, denn die Leute wollten natürlich auch die Anwendungen der Heilpflanzen wissen und die fehlten ja in diesen Ausgaben, bei denen dem Pflanzenholzschnitt nichts weiter als der Name der Pflanze beigegeben war.
Trotzdem der Absatz der Fuchsschen Kräuterbücher zu wünschen übrig ließ - sie konnten vor allem den Mitbewerb mit den volkstümlicher geschriebenen und auch billigeren Kräuterbuch des Hieronymus Bock nicht aushalten - arbeitete jener unverdrossen an einer Fortsetzung weiter. Ungefähr 1550 scheint ein zweiter Band druckfertig gewesen zu sein, 1557 schaffte Fuchs an einem dritten. Das ganze, jetzt auf drei Bände angewachsene Werk sollte an die 1500 Pflanzenbilder enthalten. Aber Fuchs fand keinen Verleger dafür. Noch ein paar Monate vor seinem Tode - im November 1565 - wandte sich Fuchs an seinen Gönner, den Herzog Albrecht von Preußen, mit der Bitte um einen Zuschuß zu den Druckkosten. Dieser lehnte aber - wenigstens für den Augenblick - ab. Was mit der Handschrift und den Pflanzenbildern des Kräuterbuches nach dem Tode (1566) des Fuchs geworden ist, läßt sich nicht genau feststellen. Nach älteren Nachrichten (vgl. Roth 171) soll später der Ulmer Buchdrucker Wagner die Kräuterbuchfortsetzung besessen haben, 1732 hat sie der Wiener Buchhändler Matth. Bayer für 300 Gulden zum Verkauf angeboten. Um 1900 besaß die Universitätsbibliothek Tübingen noch 185 Holzschnittafeln für eine Folioausgabe des Fuchsschen Kräuterbuchs. Die Pflanzenbilder waren um ein Geringeres kleiner als die der Großfolio=Ausgaben von 1542 bzw. 1543. Später kamen diese Holzschnittafeln an das Botanische Institut der Universität Tübingen. Nach Stüblers Ermittlungen gelangten sie in der Inflationszeit nach dem Weltkriege an die Holzschnittschule der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste. Hier wurde die Mehrzahl der Druckstöcke mit den Pflanzenzeichnungen (die Holztafeln waren noch nicht geschnitten!), da das Material immer mehr im Preis stieg und kaum mehr anderweitig zu bekommen war, abgehobelt und zu anderen Zwecken verwendet. Auch war es in Stuttgart nicht bekannt, daß diese Bilder zum Fuchsschen Pflanzenwerke gehörten. Nur noch 25 Holztafeln blieben erhalten, sie befinden sich jetzt im Botanischen Institute zu Tübingen. Darunter finden sich z.B. die Bilder von Melampyrum arvenese, Lycopodium complanatum, Salicornia herbacea, Adoxa moschatellina, Crocus vernus, Acer Pseudoplatanus, ferner Arten aus den Gattungen Trifolium, Thesium, Mentha, eine Tafel mit Kürbisfruchtformen usw. (nach gütiger Mitteilung von Herrn Dr. Filzer, Tübingen).
Wie die Kräuterbücher seiner Zeitgenossen, so ist auch das des Fuchs seinem Texte nach mehr ein medizinisches als ein botanisches Werk. Weitaus der größte Teil des Textes handelt von den Heilkräften der Pflanzen, die Ausführungen über ihre Gestalt und ihr Vorkommen sind meist sehr dürftig, kaum zu vergleichen mit dem, was man heute eine wissenschaftliche Beschreibung der Pflanze nennt. Man wird sich natürlich fragen, auf welchen Quellen die Angaben des Fuchs beruhen. Hat er etwa wie sein Zeitgenosse Paracelsus sein Wissen aus dem Volke geschöpft, hat er Scherer, Kräuterweiber, Schäfer und ähnliche Heilkundige ausgefragt oder hat er selbst am Krankenbette gewisse Erfahrungen mit der Anwendung der Kräuter gemacht und diese in seinem Werk bekannt gegeben? Keines von beiden! Der Text des Fuchsschen Kräuterbuches beruht ganz auf den antiken Schriftstellern und zwar, wie schon früher bemerkt, in erster Linie auf den Schriften des Dioskurides, dann auf denen des Plinius, die sich zum größten Teil inhaltlich, was die Heilkräfte der Pflanzen angeht, decken und auf denen des Galenos.
Wie eng sich Fuchs inhaltlich in der Beschreibung der arzneilichen Verwendung einer Pflanze an Dioskurides anlehnt, zeigt z.B. ein Vergleich der beiderseiten Kapitel über den Dill (Anethum graveolens):
| Dioskurides, Mat. med. 3, 58 (in deutscher Übersetzung). | Fuchs, New Kreüterbuch, Cap. IX. |
| Dill ... Die Abkochung der trockenen Dolde und der Frucht befördert als Trank die Milchabsonderung [der Frauen] lindert Leibschmerzen und Blähungen, reinigt den Bauch und stillt leichtes Erbrechen. | Von Dyllen ... Dyllsamen und die öbersten gipffelin an den stengeln und zweiglin in wasser gesotten / bringen den frawen die versigene milch wider / stillet das grimmen / zerteylt die bläst [Blähungen] und wind im bauch / stellt das würgen und den stuhlgang. |
| Treibt den Harn. | Treibt den harn. |
| Beruhigt den Schlucken. | Miltert das hexgen [den Schlucken] und aufstoßen des magens. |
| Bei anhaltendem Genuß aber schwächt sie das Gesicht [Sehkraft] und unterdrückt die Zeugungskraft. | Macht die augen dunckel und finster. So man Dyllen offt trinckt und stätigs neüßt [genießt] / tilgt er auß den samen der geburt dienstlich [=Zeugungskraft]. |
| Von Nutzen ist seine Abkochung als Sitzbad für Frauen mit (Gebär=) Mutterbeschwerden. | Ein dampffbad auß Dyllen gemacht / oder gesotten und darauff gesessen / benimpt das auffsteigen der muter [Gebärmutter]. |
| Der gebrannte Samen als Umschlag vertreibt die Geschwülste (Kondylome) am After | Dyllsamen zu äschen [Asche] gemacht und gepulvert / heylet die knöpff oder runtzel am hindern [After] / condylomata genennt... |
Aus dieser Gegenüberstellung ist ersichtlich, daß die Ausführungen des Fuchs nichts anderes als eine etwas freie Übersetzung des Dioskurides=Textes sind. Die beiden (oben nicht aufgeführten) Schlußsätze des Dill=Kapitels im "New Kreüterbuch" (schlafmachende Wirkung des Dills usw.) gehen auf Galenos zurück.
Fuchs nahm als selbstverständlich an, daß alle oder doch die meisten einheimischen Heilpflanzen von diesen alten Ärzten beschrieben worden seien, man müsse eben nur herausbringen, unter welchem Namen. Dabei bedachte er nicht, daß die antiken Schriftsteller ja die südeuropäische bzw. kleinasiatische Pflanzenwelt vor sich hatten, die sich in ihrer artlichen Zusammensetzung durchaus nicht immer mit der deutschen deckt. Heute können wir z.B. mit Bestimmtheit sagen, daß das "akoniton pardalianches" des Diokurides (Mat. med. 4, 76) das Fuchs (cap. 30) für die Einbeere (Paris quadrifolius) hält, diese nicht ist. Die Einbeere war den antiken Ärzten überhaupt unbekannt, sie kommt im größten Teil des Mittelmeergebietes gar nicht vor. Ein Gleiches gilt noch von mehreren anderen Pflanzen. Man darf also nicht ohne weiteres die Heilkräfte, wie sie Fuchs von einer Pflanze angibt, als zutreffend ansehen, man muß sich erst vergewissern, ob die Identifizierung der betreffenden Pflanze mit der entsprechenden des Dioskurides wirklich stimmt. Ein Hilfsmittel für solche Feststellungen stellt die auf S. 21 ff. gegebene Liste der Fuchsschen Pflanzen dar. In vielen Fällen hat Fuchs bei seiner Bestimmung der antiken Pflanzennamen sicher als Richtige getroffen, denn der Text des Dioskurides ist so eindeutig und klar, daß er sich eben nur auf diese Pflanze beziehen kann, aber das oben gebrachte Beispiel der Einbeere zeigt doch, daß Vorsicht angebracht ist.
Wenn auch das Kräuterbuch des Leonhart Fuchs in vielen seiner Teile als eine Überarbeitung der "Arzneimittellehre" des Dioskurides zu bezeichnen ist, so wäre es doch sehr unrecht, wenn man Fuchs nur als einen "Kompilator" bezeichnen würde. Daß dies nicht der Fall ist, geht schon daraus hervor, daß Fuchs einige Pflanzen anführt, die bei keinem früheren oder auch zeitgenössischen botanischen Schriftsteller vorkommen, also von ihm zum erstenmal beschrieben sind. Es sind dies z.B. Veronica hederifolia (cap. 9), Hypericum hirsutum (cap. 24), Impatiens Balsamina (cap. 126), Filago germanica (cap. 81), Calla palustris (cap. 86), Salix repens (cap. 126), Epilobium hirsutum (cap. 187), Platanthera bifolia (cap. 270), Satureia Acinos (cap. 346). Ferner gibt Fuchs eine Reihe von Pflanzenfundorten an, wo er zweifellos die Pflanze selbst beobachtet hat. Den einen oder anderen Fundort mag er durch seine Schüler, die ihm die Pflanzen brachten, erfahren haben, So führt er - um nur einige seltenere Pflanzen zu nennen - vom Österberg bei Tübingen an: Botrychium Lunaria (cap. 183), Ophio- glossum vulgatum (cap. 219), Lilium Martagon (cap. 40), Listera ovata (cap. 214). Alle diese Pflanzen sind heute am Österberg nicht mehr zu finden, die beiden letztgenannten allerdings noch in der Nähe Tübingens. Dagegen kommt noch heute die bei Fuchs vom Farrenberge bei Tübingen angegebene (cap. 111) Hirschzunge (Phyllitis Scolopen- drium) ebenso wie der vom Spitzberg genannte (cap. 228) Haarstrang (Peucedanum of- ficinale) an diesen Stellen vor. (nach gütiger Mitteilung von Dr. Filzer, Tübingen).
Welche Pflanzen enthält das Fuchssche Kräuterbuch und nach welchen Gesichtspunkten sind sie ausgewählt? Nach unseren heutigen systematischen Begriffen sind es etwa 500 Arten, von denen ungefähr 400 einheimisch und wildwachsend sind, die restlichen, also an die 100 Arten, auf Gartenpflanzen bzw. ausländische Gewächse treffen. Wenn man bedenkt, daß es in Mitteleuropa an die 3500 Pflanzenarten (Farn= und Blütenpflanzen) gibt, so erscheint die Zahl der von Fuchs beschriebenen Pflanzen recht gering. Man darf aber nicht vergessen, daß zu Fuchs' Zeiten die Aufteilung der Pflanzenwelt in einzelne Arten bei weitem nicht in dem Maß durchgeführt war wie dies bei den neuzeitlichen Pflanzenkennern der Fall ist. Besonders von Familien mit vielen, für den Laien zumeist nur schwer auseinander zu haltenden Arten (Gräser, Nelkengewächse, Kreuzblütler, Doldenblütler, Korbblütler) wurden im 16. Jahrhundert nur einige typische und häufige Vertreter unterschieden. Als Beispiel sei erwähnt, daß die Familie der Korbblütler in Württemberg allein 200 Arten zählt, Fuchs führt aber im ganzen nur 50 auf. An wildwachsenden Nelkengewächsen sind bei Fuchs nur 7 Arten (Agrostemma Githago, Arenaria serpyllifolia, Dianthus Carthusianorum, D. superbus, Saponaria officinalis, Stellaria Holostea, St. media) beschrieben, während die Zahl der mitteleuropäischen Arten dieser Familie ungefähr 150 beträgt. Ferner fehlen z. B. bei Fuchs alle wildwachsenden Gräser (er beschreibt nur einige Getreidegräser), dann die Mehrzahl unserer heimischen Bäume und Sträucher (als "Holzpflanzen" wollte er diese wohl ursprünglich überhaupt nicht in sein "Kräuterbuch" aufnehmen), von den Sporenpflanzen erwähnt er nur die Lungenflechte (Lobaria pulmonaria; cap. 245), das Steinlebermoos (Marchantia polymorpha; cap. 179), ds Widertonmoos (Polytrichum commune; cap. 241) und (nicht ganz sicher bestimmbar) das Drehmoos (Funaria hygrometrica; cap. 241), ferner 9 Farnkraut= und 2 Schachtelhalmarten. Von den Schwämmen (Pilzen) berichtet er überhaupt nichts. Auch von anderen allgemein bekannten und in anderen zeitgenössischen Kräuterbüchern aufgeführten Pflanzen vermißt man verschiedene bei Fuchs, es sei hier nur auf das Lungenkraut (Pulmonaria officinalis), die Sumpf=Dotterblume (Caltha palustris), das Leberblümchen (Anemone Hepatica), den Waldmeister (Asperula odorata), die Vergißmeinnicht=Arten (Myosotis), den Bittersüß (Solanum Dulcamara), den Bärlapp (Lycopodium clavatum) verwiesen. Es ist nicht anzunehmen, dß Fuchs diese gerade in Süddeutschland, seinem ständigen Aufenthalt, so häufige Arten nicht gekannt hat. Warum er sie in seinem Kräuterbuch nicht angeführt hat, wissen wir nicht. Ganz bestimmt aber hätte er diese und noch viele andere einheimische Pflanzen in dem von ihm geplanten zweiten und dritten Band seines Kräuterbuches gebracht, deren Drucklegung aber nicht mehr zustande kam (vgl. S. 14).
Von einem botanischen Werk sind wir heute gewohnt, daß es die Pflanzen nach ihrer natürlichen Verwandtschaft geordnet bringt, daß also etwa die Gräser, die Lippenblütler, die Korbblütler beieinander stehen. Ansätze zu einer solchen Anordnung nach den verwandtschaftlichen Beziehungen der Pflanzen finden wir bereits in dem Kräuterbuch des Brunfels (1530) und noch mehr in dem des Bock (1539). Bei Fuchs dagegen sehen wir kaum eine Spur von einem natürlichen System der Pflanzen, diese sind vielmehr rein äußerlich nach dem Alphabet ihrer griechischen Namen (mit a???d???? beginnend und mit ???µast???? endend) aneinandergereiht. Auch hier zeigt sich also wieder die starke Anlehnung an das Werk des Dioskurides. So kommt es z. B., daß auf den Mohn (cap. 195) der Maulbeerbaum und auf diesen wieder der Wiesenkerbel folgt, also drei vollkommen verschiedene Pflanzenarten beisammenstehen. Man muß dabei aber bedenken, daß das Kräuterbuch des Fuchs vor allem dem Arzt und nicht dem Botaniker dienen sollte. Übrigens haben auch neuzeitliche "Kräuterbücher" wie das von Kroeber (1934) und das "Lehrbuch der biologischen Heilmittel" von Madaus (1938) die Pflanzen nach dem Alphabet ihrer Namen angeordnet.
Was den Text des Fuchsschen Kräuterbuches vor anderen zeitgenössischen Werken auszeichnet, ist die besonders eingehende und gründliche Behandlung der lateinischen und griechischen Pflanzennamen. Hier kamen dem Fuchs seine humanistischen Studien, die ihn zu einem sehr guten Kenner der klassischen Sprachen gemacht hatten, aufs beste zu statten. Leider hat er den deutschen Pflanzennamen weniger Aufmerksamkeit geschenkt und eigentliche Volksnamen, wie sie z. B. Bock in großer Anzahl aufführt, bringt er überhaupt nicht. Über die Benennung der Pflanzen ist besonders hervorzuheben, daß Fuchs den "genus" ("Geschlecht" heißt es im deutschen Kräuterbuch) nicht das versteht, was wir heute mit dem systematischen Begriff "genus" (Gattung) meinen, sondern daß Fuchsdarunter die "Art" versteht, also das, was wir seit Linné als "species" bezeichnen. Oft werden die verschiedenen "genera" ("Geschlechter") nur mit Zahlen numeriert, z.B. im Geranium=Kapitel (cap. 76): Geranium primum = Ge- ranium cicutarium L. (Erodium cicutarium L'Herit.) - G. alterum = G. rotundifolium L. - G. tertium = G. Robertianum usw. Die "Geschlechter" des Fuchs decken sich aber durchaus nicht immer, wie dies in dem eben angeführten Beispiel der Fall war, mit den Arten ein und derselben Gattung! Oft handelt es sich um Arten aus verschiedenen (allerdings meist nah verwandten) Gattungen, so wenn er etwa im Kapitel über das Habichtskraut (cap. 120) ein "Großes Habichtskraut" (Sonchus arvensis) und ein "Kleines Habichtskraut" (Crepis tectorum) unterscheidet. Umgekehrt wieder handelt es sich bei den drei von Fuchs angeführten "Geschlechtern" der "Viola matronalis" (=Matthiola incana; cap. 118) lediglich um drei Farben=Spielarten (weiß, rot oder purpurviolett blühend) ein und derselben Art. Häufig unterscheidet Fuchs zwei in der Tracht ähnliche oder tatsächlich nah verwandten Pflanzen als "mennle" (mas) und "weible" (foemina), z. B. im Kapitel 328 das "Weiß Wullkraut mennle" (Verbascum candidum mas = V. Thapsus) und das "Weiß Wullkraut weible" (Verbascum candidum foemina = V. Lychnitis). Auch diese Art der Unterscheidung hat Fuchs aus Dioskurides übernommen, der in dem eben angeführten Beispiel (Mat. med. 4, 103) von einer phlomos arrhen (=männliche phlomos) und einer phlomos theleia (= weibliche phlomos) spricht. Mit der "männlichen" Pflanze ist im allgemeinen die mit kräftigerem, mit der "weiblichen" die mit schmächtigerem, kleinerem Wuchse gemeint. Männlich und weiblich bezieht sich also bei Fuchs (und seinen Zeitgenossen) nicht auf die Blütenteile, wo wir heute bei getrennt geschlechtigen Pflanzen auch von männlichen Blüten (solchen, die nur Staubgefäße besitzen) und weiblichen Blüten (Stempelblüten) sprechen. Ja beim Wald=Bingelkraut (Mercurialis perennis) nennt Fuchs (cap. 168) gerade umgekehrt die nach unserem Fachausdruck weibliche Pflanze (also die mit Stempelblüten) das "mennle" und die männliche Pflanze (mit Staubblüten) das "weible". Übrigens treffen wir diese nur auf die Tracht der Pflanze sich beziehende Unterscheidung in "Männlein" und "Weiblein" noch in der Benennung Polypodium Filix-mas und Polypodium Filix-femina, die Linné (1753) unseren bekannten Farnen (dem kräftigeren Wurmfarn und dem zarteren Waldfarn) gegeben hat.
Die streng binäre wissenschaftliche Pflanzenbenennung, bei der jede Art durch ihren Gattungs= und Artnamen (also etwa Ranunculus acer, Lamium album) gekennzeichnet ist, hat bekanntlich erst Linné streng durchgeführt. Bei Fuchs ist die wissenschaftliche Pflanzenbenennung noch ganz uneinheitlich. Bald führt die Art (besonders dann, wenn sie die einzige Gattung war) nur einen Namen, z. B. Ligustrum (cap. 182) = Ligustrum vulgare, bald zwei (Gattungs= und Artnamen würden wir heute sagen), z.B. Nymphaea lutea und Nymphaea candida (cap. 203). Nicht selten wird die Pflanze durch drei Namen gekennzeichnet, wie Orchis mas angustifolia = O. masculus und Orchis mas latifolia = O. militaris (cap. 210), manchmal sogar durch vier wie Hyacinthus coeruleus mas minor = Scilla bifolia (cap. 325). Manche der von Fuchs gebrauchten binären Pflanzennamen wurdn in der gleichen Form von Linné übernommen, so daß sie auch heute noch von den Botanikern gebraucht werden, solche sind Allium ursinum (cap. 281), Chelidonium maius (cap. 333), Digitalis purpurea (cap. 345), Origanum vulgare (cap. 209), Plantago maior (cap. 11), Vitis vinifera (cap. 29).
Nicht unerwähnt darf bleiben, daß Fuchs der erste war, der seinem lateinischen Kräuterbuch ein Verzeichnis der botanischen Fachausdrücke beigab ("explicatio qua- rundam vocum toto hoc opere passim accurentium, in quibus assequendis non admodum peritus lector haerere posset"). Hier werden Ausdrücke wie acinus, alae, baccae, calyx, caudex, spica, stamina usw. erklärt. Für unsere heutigen Begriffe ist es besonders auffällig, daß sich dieses Verzeichnis mit den Blütenteilen, die doch für die systematische Zugehörigkeit der Pflanze ausschlaggebend sind, fast gar nicht beschäftigt.
Wenn also der Text des Fuchsschen Kräuterbuches besonders da, wo es sich um die Benennung der Pflanze handelt, für die Förderung der Pflanzenkenntnis von nicht zu unterschätzender Bedeutung war, so gilt dies noch mehr von den wunderbaren Pflanzenbildern des Werkes. Fuchs hat seinen künstlerischen Mitarbeitern, den Zeichnern Füllmaurer und Albert Meyer sowie dem Holzschneider R. Speckle dadurch ein Denkmal gesetzt, daß er ihre Brustbilder in das Kräuterbuch aufnahm. An der Ausschmückung der Kräuterbuches mit Bildern hat Fuchs insofern großen Anteil als er die abzubildenden Pflanzen herbeischaffte und gewiß auch Zeichnung wie Holzschnitt ständig überwachte. Trotzdem die Holzschnitte keine oder nur eine geringe Schattierung aufweisen, sind weitaus die meisten der dargestellten Pflanzen auf den ersten Blick zu erkennen. Nach dem Text allein würde man bei der meist ganz unzulänglichen botanischen Beschreibung manche der darin genannten Pflanzen kaum botanisch feststellen können, während dies an Hand der trefflichen Holzschnitte eine Leichtigkeit ist. Für den botanischen Laien mag es vielleicht etwas störend wirken, daß alle Pflanzen, mag es sich jetzt um die Eiche (t. CXXIX) oder etwa um das höchstens 30-40 cm hoch werdende Tausendgüldenkraut (t. CCXVII) handeln, in gleicher Größe dargestellt sind. Fast alle Pflanzen des Fuchschen Kräuterbuchs sind nach der Natur gezeichnet, nur ganz wenige wie Nuphar luteum (t. CCCII), Nymphaea alba (t. CCCI), Sanicula europaea (t. CCCLXXX), Tussilago Farfara (t. LXXVI) sind mit ganz geringen zeichnerischen Veränderungen aus dem Kräuterbuch des Brunfels kopiert.
Man kann sich denken, daß in einer Zeit, wo man sich über den Nachdruck von Büchern recht weitherzige Ansichten hatte und wo es ein "Urheberrecht" (wenn auch sog. Druckprivilegien) in unserem heutigen Sinne nicht gab, die ausgezeichneten Pflanzenbilder des Fuchs mehr oder minder stark kopiert wurden. Schon ein Jahr nach dem Erscheinen des Fuchsschen Kräuterbuches gab der Arzt und Vielschreiber W. H. Ryff bei dem Verleger Egenolff in Marburg eine lateinische Übersetzung des schon oft erwähnten Dioskurides heraus. Sie enthielt eine Menge Pflanzenbilder, die nichts anderes als verkleinerte, aber recht ungeschickt ausgeführte Kopien der Fuchsschen Holzschnitte sind. Auch die erste mit Bildern geschmückte Ausgabe des Bockschen Kräuterbuches vom Jahre 1546 (die Ausgabe von 1539 enthält keine Bilder!) zeigt in mehreren Pflanzenbildern starke "Anlehnungen" an die Holzschnitte im Werke des Leonhart Fuchs. Man vergleiche einmal in den beiden Kräuterbüchern die Bilder der Melisse (Fuchs t. CCLXXXI = Bock 1551, 5r), des Poley (Fuchs t. CX = Bock 1551, 9v), der Akelei (Fuchs t. LV = Bock 1551, 51 r). Ferner begegnen und die Pflanzenbilder des Fuchsschen Kräuterbuches in eine Kräuterbuch ("Horn des Heyls menschlicher Blödigkeit") des Bartholomäus Carrichter (Straßburg 1576). Auch in nichtdeutsche Kräuterbücher gingen Bilder des Fuchs über, so in Dodoens' (Dodonaeus) Cruydebock (1554), in Turners New Herball (1551) und in verschiedene andere. Jedenfalls kann man sagen, daß die Bilder des Fuchsschen Kräuterbuches länger auf die Nachwelt wirkten als sein Text.
Um das Kräuterbuch des Leonhart Fuchs richtig würdigen zu können, ist es schließlich noch nötig, es mit den beiden zeitgenössischen von Brunfels und Bock (vgl. S. 11f.) zu vergleichen. Was den Text betrifft, so steht zweifellos das des Fuchs über dem des Brunfels. Bei diesem sind die Angaben über Blütezeit, Standort usw. viel mangelhafter als bei Fuchs. Vor allem aber beschreibt Fuchs etwa doppelt soviel Pflanzen wie Brunfels. Als Beispiel sei nur angeführt, daß Fuchs 39 Lippenblütler anführt, Brunfels aber nur 19. Bei diesem fehlen Ajuga Chamaepitys, Lavendula officinalis, Melittis Melissophyllum, alle Mentha-Arten bis auf M. Pulegium, Prunella vulgaris, Satureia Acinos, die Teucrium-Arten, lauter Pflanzen, die wir bei Fuchs beschrieben finden. Die Holzschnitte bei Brunfels können sich an Schönheit und künstlerischem Wert mit denen des Fuchs wohl messen, ja mancher wie der der Haselwurz (Asarum europaeum) ist vielleicht noch schöner als der entsprechende des Fuchs. Manchmal gilt aber auch das Umgekehrte. Vergleichen wir das Kräuterbuch des Bock (1546 bzw. 1551) mit dem des Fuchs, so können wir ohne weiteres feststellen, daß hier die meisten Holzschnitte bei weitem nicht an die Schönheit der Fuchsschen heranreichen, schon deswegen nicht, weil sie viel kleiner (im Durchschnitt nur 15 cm hoch) sind. Künstlerischen Wert haben bei Bock vor allem die mit DR (David Randel) gezeichneten Bilder. Dagegen ist der Text des Bockschen Kräuterbuches viel lebendiger und volkstümlicher geschrieben, die Pflanzenbeschreibungen sind sehr anschaulich, nicht so trocken und schematisch wie die meisten des Fuchs und man merkt deutlich, daß Bock nicht in dem Maße wie Fuchs ein "Schreibtischbotaniker" war, sondern daß er die Pflanzen draußen in Feld und Flur sehr scharf beobachtet hatte. Dann enthält das Kräuterbuch des Bock eine viel größere Zahl von Pflanzenarten (nach meiner Zählung etwa 130 mehr), vor allem die einheimischen Bäume und Sträucher, die ja bei Fuchs recht stiefmütterlich behandelt sind, dann verschiedene Wildgräser, einige Pilze usw. Andererseits bringt Fuchs etwa zwei Dutzend Pflanzen, die bei Bock nicht vorkommen. Jedenfalls ist aber unbestritten, daß die Großfolio=Ausgaben des Fuchsschen Werkes die prächtigsten Kräuterbücher des 16. Jahrhunderts sind.
Von Prof. Dr. Heinrich Marzell (1938)© 01.01.2009
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